
«Nothing tastes as good as skinny feels» Dieser Satz des Models Kate Moss prägte Anfang der 2000er eine ganze Generation. Extreme Schlankheit galt damals als Statussymbol. Sichtbar auf Laufstegen, in Musikvideos und in Hollywoodfilmen. Viele Jugendliche wuchsen mit dem Gefühl auf, ihr Körper müsse möglichst schmal, kontrolliert und perfekt sein, um schön oder beliebt zu wirken.
Dann schien sich endlich etwas zu verändern. Unterschiedliche Körperformen wurden sichtbarer, Themen wie Body Positivity bekamen Raum und viele Menschen hatten zum ersten Mal das Gefühl:
Vielleicht muss mein Bauch gar nicht aussehen wie ein Waschbrett.
Doch seit etwa 2023 kippt die Stimmung wieder. Und spätestens während der Award-Saison 2025/2026 wurde offensichtlich: Das extrem dünne Körperideal ist zurück. Nur diesmal trägt es einen neuen Namen.
Heute heißt es nicht mehr:
„Sei dünn.“
Heute heißt es:
- „Wellness“
- „Clean Girl“
- „Health Journey“
- „Disziplin“
- „Pilates Body“
- oder schlicht: „Ich fühle mich einfach sooo gesund.“
Und genau das macht es so schwierig.
Die neue Dünnheitswelle: Hollywood, Ozempic & Social Media
In den letzten Jahren wurde immer häufiger über Medikamente wie Ozempic oder Wegovy gesprochen. Ursprünglich wurden diese Medikamente für Menschen mit Diabetes entwickelt, inzwischen werden sie aber auch gezielt zur Gewichtsreduktion genutzt.
Gleichzeitig tauchten plötzlich überall dieselben Körper auf:
Sehr schmal, sehr dünn, eingefallene Gesichter, sichtbare Knochen.
Viele Stars verloren innerhalb kurzer Zeit deutlich an Gewicht. Und das Internet machte einen Trend daraus.
Das Problem?
Jugendliche sehen diese Bilder jeden Tag.
Und irgendwann beginnt das Gehirn automatisch zu denken:
„Vielleicht müsste ich auch dünner sein, damit ich schön bin.“
„Vielleicht bin ich nur erfolgreich, wenn ich weniger esse.“
„Vielleicht ist mein Körper falsch.“
Warum das Ganze gefährlich ist
Viele aktuelle Körperbilder werden online als „gesund“ verkauft. Aber Gesundheit sieht nicht automatisch aus wie Größe XS und ein Hafermilchmatcha in der Hand.
Denn bei starkem Gewichtsverlust verliert der Körper nicht nur Fett, sondern oft auch wichtige Muskelmasse.
Das bedeutet:
- weniger Kraft
- schneller erschöpft sein
- Konzentrationsprobleme
- Frieren
- Kreislaufprobleme
- hormonelle Veränderungen
- ein langsamerer Stoffwechsel
Und ja: Im Extremfall baut der Körper sogar Herzmuskulatur ab.
Das klingt deutlich weniger glamourös als die TikTok-Ästhetik dazu.
Essstörungen beginnen oft leise
Eine Essstörung startet selten plötzlich. Niemand wacht morgens auf und denkt:
„Top, heute entwickle ich eine psychische Erkrankung.“
Oft beginnt es schleichend:
- Kalorien zählen
- Mahlzeiten auslassen
- Angst vor bestimmten Lebensmitteln
- exzessiver Sport
- ständiges Kontrollieren des Körpers
- Schuldgefühle nach dem Essen
- permanenter Vergleich mit anderen
Von außen bekommen Betroffene dafür manchmal sogar Komplimente:
„Wow, hast du abgenommen?“
„Du bist so diszipliniert!“
„Ich wünschte, ich hätte deine Kontrolle.“
Was niemand sieht:
Die Gedanken drehen sich irgendwann nur noch um Essen, Gewicht und Angst.
Besonders Anorexia nervosa kann schwere körperliche und psychische Folgen haben:
- Muskelabbau
- Haarausfall
- hormonelle Störungen
- Verdauungsprobleme
- Konzentrationsschwierigkeiten
- depressive Symptome
- soziale Isolation
- Herzprobleme
- Knochenschäden
- und ein erhöhtes Sterberisiko
Und das Tragische ist:
Essstörungen sehen nicht immer „krank“ aus. Betroffene dementieren die Erkrankung oft und waschen sie mit Sätzen rein, «das vergangene Ich mit etwas üppigeren Kurven war das ungesundeste Ich, das ich je hatte»
Manche Betroffene wirken nach außen einfach nur „fit“, „healthy“ oder „clean“. Wie es ihnen psychisch geht und womit sie zu kämpfen haben, bleibt verborgen.
Social Media zeigt selten die ganze Wahrheit
TikTok, Instagram und Hollywood zeigen meistens Ergebnisse, aber nicht die Realität dahinter.
Nicht gezeigt werden:
- Müdigkeit
- Essensängste
- Kontrollzwänge
- das schlechte Gewissen nach einer Pizza
- der Verlust von Lebensfreude
- oder ein Körper, der eigentlich längst im Energiesparmodus läuft
Außerdem vergessen wir oft:
Viele Bilder sind gefiltert, bearbeitet oder perfekt inszeniert.
Manche Menschen verbringen länger damit, ein „ungeschminktes Spiegelselfie“ zu machen als andere mit ihrer Steuererklärung.
Was Jugendliche heute wirklich hören sollten
Als Ernährungspsychologische Beraterin bin ich überzeugt, dass junge Menschen gerade weniger Tipps zum „Summer Body“ brauchen sondern viel mehr Erinnerungen daran, dass ein Körper kein Trend ist.
Du musst nicht:
- möglichst wenig essen
- aussehen wie ein Hollywoodstar
- eine Kleidergröße kleiner werden
- ständig deinen Bauch anspannen
- oder dein Leben nach Kalorien ausrichten
Du darfst:
- essen
- genießen
- Muskeln haben
- Raum einnehmen
- deinen Körper mögen, auch wenn er nicht perfekt ist
Denn Gesundheit bedeutet nicht, möglichst wenig Platz einzunehmen.
Gesundheit bedeutet:
Energie haben.
Lachen können.
Mit Freund:innen spontan Pommes essen gehen, ohne danach in eine Existenzkrise zu geraten.
Sich konzentrieren können.
Sich lebendig fühlen.
Fazit: Dein Körper ist kein TikTok-Trend
Körpertrends wechseln schneller als Handyhüllen.
Mal sollen alle „thick“ sein, dann wieder „heroin chic“, dann „Pilates skinny“, dann „clean girl“. Der weibliche Körper wird ständig behandelt wie ein Pinterest-Projekt mit Vorher-Nachher-Fotos.
Dein Körper ist kein Trend.
Und auch kein Projekt.
Er ist der Ort, in dem du lebst. Und du bist schön wie du bist. Denn Fotos zeigen eine Momentaufnahme deiner äusseren Hülle und niemand sieht, welcher Charakter dahinter steckt.
Und ganz ehrlich:
Was bringt ein „perfekter“ Körper, wenn man keine Energie mehr hat, zu leben?
Wenn dein Algorithmus dir gerade einredet, du müsstest dünner, kleiner oder kontrollierter werden, denke daran:
Der Algorithmus kennt weder deinen Wert noch deine Persönlichkeit. Er will nur Aufmerksamkeit, Gesundheit ist ihm egal.
Ich sage Dir:
Du darfst essen.
Du darfst wachsen.
Du darfst stark sein.
Du darfst Raum einnehmen.
Und vielleicht ist genau das heute der mutigste Gegenentwurf. Wahre Schönheit entsteht durch das Gesamtbild und vor allem daraus, wie du dich gibst. Du selbst siehst das selten. Doch ein unbeobachtetes und unretuschiertes Foto von dir, zeigt deine wahre Schönheit. Die Menschen um dich mögen Dich um deiner Selbstwillen und nicht wegen einem Schönheitsideal, das gerade in ist. Du glaubst das nicht? Dann habe den Mut und frage sie, was sie an dir mögen. Du wirst feststellen, dass sie so gut wie nie eines deiner Körperattribute nennen.
In diesem Sinne heisst es wohl besser „Feeling good beats looking skinny.“
Herzlichst, Jeannine



